Der Winter beginnt lange vor dem ersten Schnee
Du möchtest den Herbst im hohen Norden gemeinsam mit Schlittenhunden erleben?
Dann findest du hier die passende Tour! Alle Fotos in diesem Beitrag stammen von dieser Tour von WINTERDOGS und zeigen dir einen kleinen Einblick in das, was dich vor Ort erwartet.
Was Herbsttraining über ethische Schlittenhundehaltung verrät
Wer im Winter eine Schlittenhundetour erlebt, sieht meist nur das fertige Bild: ein Gespann vor dem Schlitten, aufgeregte Hunde, verschneite Wälder und ein Musher, der sein Team durch die Landschaft führt. Was kaum ein Gast sieht, sind die Monate davor. Dabei entscheidet sich gerade in dieser Zeit, welchen Stellenwert das Wohl der Hunde in einem Kennel tatsächlich besitzt.
Denn ethische Schlittenhundehaltung beginnt nicht bei der Frage, wie eine Tour durchgeführt wird. Sie beginnt sehr viel früher – bei der Haltung im Alltag, bei Gesundheitsvorsorge und Fütterung, bei ausreichender Beschäftigung und Sozialkontakt und ganz wesentlich bei der Art, wie Hunde auf ihre spätere Arbeit vorbereitet werden.
Das Herbsttraining ist dafür ein besonders gutes Beispiel.
Noch liegt häufig kein Schnee in den Tälern Lapplands, wenn die ersten Teams wieder regelmäßig unterwegs sind. Nach den ruhigeren Sommermonaten werden Geschirre hervorgeholt und ATVs oder Trainingswagen vorbereitet. Die Hunde merken meist lange vor der Abfahrt, was bevorsteht. Im Kennel wird gebellt, gesprungen und gezogen. Viele können es kaum erwarten, endlich loszulaufen.
Gerade diese Begeisterung darf jedoch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Verantwortung immer beim Menschen liegt.
Ein Hund, der laufen will, kann trotzdem eine Pause brauchen
Schlittenhunde sind Arbeitshunde. Viele von ihnen zeigen eine außergewöhnlich hohe Motivation zu laufen und zu ziehen. Genau diese Eigenschaft macht die Arbeit mit ihnen faszinierend – sie schafft aber gleichzeitig eine besondere Verantwortung.
Denn ein Hund kann nicht beurteilen, ob sein Trainingsumfang im Hinblick auf die kommenden Monate sinnvoll ist. Er kennt keinen Saisonplan und keine Regenerationszeiten. Ein hochmotivierter Hund kann weiterlaufen wollen, obwohl eine Pause für seinen Körper die bessere Entscheidung wäre.
Deshalb darf Motivation niemals automatisch mit körperlicher Belastbarkeit gleichgesetzt werden.
Nach einer ruhigeren Sommerperiode müssen Kondition und Muskulatur schrittweise aufgebaut werden. Auch Sehnen, Gelenke und Pfoten müssen sich wieder an regelmäßige Belastung gewöhnen. Verantwortungsvolles Training beginnt deshalb mit kurzen Distanzen und steigert diese langsam.
Dabei kann es keinen Kilometerplan geben, der gleichermaßen für jeden Hund gilt.
Ein zweijähriger Hund vor seiner ersten vollständigen Saison hat andere Voraussetzungen als ein erfahrener Hund im besten Leistungsalter. Ein Senior benötigt möglicherweise längere Erholungsphasen. Ein Hund nach einer Verletzung braucht einen anderen Aufbau als seine gesunden Teamkameraden.
Ethische Hundehaltung bedeutet deshalb nicht, alle Hunde gleich zu behandeln.
Sie bedeutet, ihre unterschiedlichen Bedürfnisse ernst zu nehmen.
Der Trainingsplan muss sich dem Hund anpassen
Gerade in größeren Kennels wäre es organisatorisch wesentlich einfacher, Hunde nach einem festen Schema zu trainieren: Team A läuft Strecke X, Team B Strecke Y und am Ende der Woche steht eine bestimmte Kilometerzahl.
Doch ein Hund ist keine Position in einer Tabelle.
Verantwortungsvolles Training verlangt Beobachtung. Wie bewegt sich der einzelne Hund? Bleibt seine Zugleine gespannt? Verändert sich sein Laufstil? Wie schnell erholt er sich nach einem Lauf? Frisst er normal? Gibt es Veränderungen an den Pfoten? Wie verhält er sich einige Stunden später?
Solche Beobachtungen können dazu führen, dass ein Trainingsplan geändert werden muss.
Vielleicht läuft ein Hund heute eine kürzere Strecke. Vielleicht bekommt er einen zusätzlichen Ruhetag. Vielleicht wird er für einige Zeit vollständig aus dem Training genommen.
Das ist kein Scheitern des Trainingsplans.
Im Gegenteil: Es zeigt, dass der Plan tatsächlich für die Hunde gemacht wurde – und nicht die Hunde für den Plan.
Auch die Temperatur setzt Grenzen
Dasselbe gilt für äußere Bedingungen.
Gerade zu Beginn des Herbstes können die Temperaturen selbst im hohen Norden noch vergleichsweise mild sein. Für Menschen mag ein kühler Septembermorgen bereits angenehm erscheinen. Für einen Hund, der im Geschirr körperlich arbeitet und dabei erhebliche Mengen Wärme produziert, kann die Situation anders aussehen.
Deshalb finden Trainingseinheiten häufig nachts oder früh am Morgen statt. Sind die Bedingungen ungeeignet, muss ein Lauf verkürzt, verschoben oder abgesagt werden.
Auch hier zeigt sich eine grundlegende Frage ethischer Tierhaltung: Wer bestimmt die Grenze?
Der Tourenplan? Der Trainingsplan? Die verfügbare Arbeitszeit?
Oder der Hund?
Ein Kennel, der das Wohlergehen seiner Tiere ernst nimmt, muss akzeptieren können, dass manchmal nicht gefahren wird – auch wenn es organisatorisch unbequem ist.
Ruhetage sind kein Luxus
Zur ethischen Arbeit mit Schlittenhunden gehört außerdem die Erkenntnis, dass Leistung nicht ausschließlich durch Bewegung entsteht.
Regeneration ist Bestandteil des Trainings.
Nach körperlicher Belastung benötigt der Organismus Zeit zur Erholung und Anpassung. Mehr Training bedeutet deshalb nicht automatisch bessere Hunde. Ein Tier, das ständig laufen muss, ist nicht zwangsläufig besser trainiert als eines, dessen Belastung bewusst gesteuert wird.
Ruhetage sind entsprechend kein Zeichen dafür, dass ein Hund „nicht gebraucht“ wird. Sie gehören zu einer vernünftigen Trainingsplanung.
Dasselbe gilt für ältere Hunde. Ein Senior kann weiterhin große Freude daran haben, gemeinsam mit seinem Team zu laufen, ohne noch dieselben Distanzen bewältigen zu müssen wie einige Jahre zuvor.
Ethische Haltung bedeutet hier, nicht ausschließlich zwischen „arbeitet“ und „arbeitet nicht“ zu unterscheiden.
Ein Hund darf kürzer laufen.
Er darf langsamer werden.
Und irgendwann darf er aufhören.
Sein Wert für den Kennel darf nicht davon abhängen, wie viele Kilometer er noch ziehen kann.
Nicht jeder Schlittenhund muss ein Schlittenhund werden
Besonders deutlich wird dieser Gedanke bei jungen Hunden.
Für sie ist das Herbsttraining eine Ausbildungsphase. Sie lernen das Geschirr kennen, laufen erstmals regelmäßig in einer Gangline und beginnen zu verstehen, was die anderen Hunde von ihnen erwarten.
Häufig werden junge Hunde neben erfahrene Tiere gespannt. Diese geben Sicherheit und vermitteln durch ihr Verhalten vieles, was ein Mensch kaum erklären könnte.
Manche Nachwuchshunde finden sehr schnell Gefallen daran. Andere benötigen Zeit.
Und manche möglicherweise nie.
Auch das muss erlaubt sein.
Zucht, Abstammung oder die ursprüngliche Planung des Menschen garantieren nicht, dass ein bestimmter Hund Freude an einer bestimmten Aufgabe entwickelt. Ein ethischer Umgang mit Arbeitshunden muss deshalb die Möglichkeit einschließen, dass ein Tier für die vorgesehene Arbeit ungeeignet ist – körperlich oder charakterlich.
Ein Hund sollte nicht arbeiten müssen, nur weil seine Haltung wirtschaftlich darauf kalkuliert wurde.
Gesundheit zeigt sich auch nach dem Training
Verantwortungsvolles Training endet zudem nicht in dem Moment, in dem das Team zurück im Kennel ist.
Gerade danach beginnt ein entscheidender Teil der Arbeit.
Pfoten werden kontrolliert, Geschirre auf ihren Sitz überprüft und die körperliche Verfassung der Hunde beobachtet. Kleine Veränderungen können Hinweise darauf geben, dass Belastung oder Ausrüstung angepasst werden müssen.
Auch die Ernährung muss mit zunehmender Aktivität Schritt halten. Der Energiebedarf eines arbeitenden Schlittenhundes unterscheidet sich erheblich von dem eines Hundes während einer ruhigeren Phase. Ausreichende und der Belastung angepasste Ernährung ist deshalb keine zusätzliche Leistung eines guten Kennels, sondern eine grundlegende Voraussetzung dafür, Hunde überhaupt arbeiten zu lassen.
Gleiches gilt für medizinische Versorgung und die Bereitschaft, einen Hund aus dem Training zu nehmen, wenn gesundheitliche Zweifel bestehen.
Die entscheidende Frage lautet nicht: Kann dieser Hund noch laufen?
Sondern: Sollte dieser Hund heute laufen?
Zwischen diesen beiden Fragen liegt ein wesentlicher Teil verantwortungsvoller Tierhaltung.
Der Hund ist kein saisonales Arbeitsmittel
Mit Beginn des Winters bekommt das Training einen sichtbaren Zweck. Aus Trainingswagen werden Schlitten, aus Herbstwegen verschneite Trails und aus Trainingskilometern werden schließlich Touren mit Gästen.
Für einen kommerziellen Kennel beginnt damit die wirtschaftlich wichtigste Zeit des Jahres.
Für die Hunde ändert sich jedoch nichts an den Grundprinzipien.
Auch während der Saison brauchen sie Ruhe. Auch dann müssen individuelle Belastungsgrenzen berücksichtigt werden. Auch ein vollständig gebuchter Tourentag macht einen Hund nicht plötzlich belastbarer. Krankheit, Verletzung, Alter oder Erschöpfung richten sich nicht nach Reservierungen.
Genau an dieser Stelle kann ein Konflikt zwischen Wirtschaftlichkeit und Tierwohl entstehen.
Ein Kennel benötigt genügend Hunde, genügend Personal und genügend organisatorische Reserven, damit das Herausnehmen eines Hundes nicht automatisch zum betrieblichen Problem wird. Werden sämtliche Tiere dauerhaft bis an die Grenze benötigt, fehlt genau dieser Spielraum.
Ethische Schlittenhundehaltung ist deshalb nicht nur eine Frage der persönlichen Einstellung eines Mushers. Sie ist auch eine Frage der Betriebsstruktur.
Ein System muss so organisiert sein, dass eine Entscheidung zugunsten eines Hundes überhaupt möglich ist.
Ethisches Training braucht qualifiziertes Personal
All diese Grundsätze setzen jedoch etwas voraus, das in der Diskussion über ethisches Dogsledding häufig zu wenig Beachtung findet: ausreichend qualifiziertes und erfahrenes Personal.
Ein Trainingskonzept kann noch so gut sein – entscheidend ist, wer es in der täglichen Praxis umsetzt. Die Menschen, die Hunde einspannen, Teams zusammenstellen und Trainingsläufe durchführen, müssen wissen, was sie tun. Sie müssen Erfahrung mit Schlittenhunden besitzen, ihre körperliche Belastung einschätzen können und verstehen, wie Kondition und Muskulatur fachgerecht und schrittweise aufgebaut werden.
Dazu gehört weit mehr, als einen Trainingswagen fahren oder ein Gespann einspannen zu können. Wer Hunde trainiert, muss erkennen können, wenn ein Tier nicht rund läuft, ungewöhnlich schnell ermüdet, seine Zugleistung verändert oder andere subtile Anzeichen dafür zeigt, dass etwas nicht stimmt. Er muss beurteilen können, wann eine Distanz gesteigert werden kann – und ebenso, wann sie reduziert werden muss. Auch die Zusammenstellung der Teams, die Auswahl geeigneter Positionen und die Ausbildung junger Hunde erfordern Erfahrung und ein gutes Verständnis des individuellen Hundes.
Gerade Schlittenhunde können es ihrem Menschen dabei schwer machen. Viele sind hoch motiviert und zeigen ihren Arbeitswillen sehr deutlich. Ein Hund, der unbedingt weiterlaufen möchte, ist deshalb nicht automatisch ein Hund, der weiterlaufen sollte. Diese Unterscheidung treffen zu können, ist Teil professioneller Trainingsarbeit.
Ethisches Training lässt sich deshalb nicht allein durch Regeln, Kilometerbegrenzungen oder Trainingspläne sicherstellen. Es braucht Menschen, die Hunde lesen können und genügend Erfahrung besitzen, um ihre Entscheidungen an das anzupassen, was sie tatsächlich vor sich sehen.
Ebenso entscheidend ist die Anzahl der verfügbaren Mitarbeiter. Selbst erfahrenes Personal kann keine sorgfältige individuelle Betreuung gewährleisten, wenn zu wenige Menschen für zu viele Hunde verantwortlich sind. Training ist schließlich nur ein Teil des Kennelalltags. Fütterung, Reinigung, Pflege, Gesundheitskontrollen, Versorgung verletzter oder älterer Tiere und die allgemeine Betreuung müssen ebenfalls zuverlässig stattfinden.
Personalmangel kann deshalb unmittelbar zu einem Tierschutzproblem werden. Wenn Arbeitsabläufe unter permanentem Zeitdruck stattfinden, bleibt weniger Zeit, einzelne Hunde aufmerksam zu beobachten. Veränderungen werden möglicherweise später bemerkt, Kontrollen verkürzt und Trainingsentscheidungen zunehmend nach organisatorischen Erfordernissen statt nach den Bedürfnissen des einzelnen Hundes getroffen.
Besonders problematisch wird es, wenn unerfahrene Saisonkräfte oder Volunteers Aufgaben übernehmen sollen, für die ihnen die notwendige Erfahrung fehlt. Neue Mitarbeiter können selbstverständlich lernen und schrittweise Verantwortung übernehmen. Sie benötigen dafür jedoch Anleitung durch erfahrene Personen, eine angemessene Einarbeitung und klare Grenzen dessen, was sie selbstständig entscheiden können. Erfahrung im Umgang mit Schlittenhunden lässt sich nicht durch eine kurze Einweisung ersetzen.
Ein verantwortungsvoll geführter Kennel muss seine personellen Ressourcen deshalb genauso sorgfältig planen wie die Zahl seiner Hunde und die Zahl der angebotenen Touren. Wer viele Hunde hält und mit ihnen kommerziell arbeitet, trägt auch die Verantwortung dafür, genügend Menschen zu beschäftigen, die diese Tiere fachgerecht betreuen und trainieren können.
Ethische Hundehaltung ist damit immer auch eine Personalfrage.
Denn letztlich entscheidet nicht der Trainingsplan darüber, ob die Bedürfnisse eines Hundes erkannt werden. Es entscheidet der Mensch, der neben ihm steht – und ob dieser Mensch die Erfahrung, das Wissen und vor allem die Zeit besitzt, genau hinzusehen.
Ethisches Dogsledding findet vor allem dann statt, wenn niemand zusieht
Für Gäste ist vieles davon schwer zu beurteilen.
Ein Hund kann während einer zweistündigen Tour aufmerksam und begeistert wirken. Ein Kennel kann gepflegt aussehen. Die Tiere können freundlich auf Besucher reagieren.
Das alles ist positiv – zeigt aber immer nur einen Ausschnitt.
Die entscheidenden Fragen reichen weiter: Wie häufig arbeiten die Hunde? Wie werden junge Tiere aufgebaut? Was geschieht mit älteren Hunden? Was passiert bei Verletzungen? Gibt es ausreichend Ruhezeiten? Werden Trainings- und Tourendistanzen individuell angepasst? Was geschieht mit einem Hund, der nicht laufen möchte oder nicht für die Arbeit geeignet ist? Und bleibt ein Hund auch dann ein vollwertiges Mitglied des Kennels, wenn er wirtschaftlich nichts mehr beitragen kann?
Diese Fragen sind weniger spektakulär als eine Schlittenfahrt durch verschneite Wälder.
Für das Tierwohl sind sie wesentlich wichtiger.
Denn ethische Schlittenhundehaltung zeigt sich nicht darin, wie schön ein Team auf einem Foto aussieht. Sie zeigt sich in den täglichen Entscheidungen rund um jeden einzelnen Hund – besonders in jenen Momenten, in denen die wirtschaftlich oder organisatorisch einfachste Entscheidung nicht automatisch die beste für das Tier ist.
Wenn im Herbst morgens wieder Karabiner klicken und die ersten aufgeregten Hunde vor dem Trainingswagen stehen, beginnt deshalb mehr als nur die Vorbereitung auf eine neue Saison.
Es beginnt eine tägliche Abwägung zwischen Arbeit und Erholung, Leistungsfähigkeit und individuellen Grenzen, menschlichen Plänen und den Bedürfnissen des Hundes.
So wird das Herbsttraining zum vielleicht unsichtbarsten, aber entscheidenden Teil von Ethical Dogsledding: Denn wie ein Kennel seine Hunde auf den Winter vorbereitet, sagt viel darüber aus, welchen Stellenwert ihr Wohlergehen auch dann hat, wenn keine Gäste zuschauen.